von Gwen Schlüter
Ende Juni 2025 erfolgten mehrere Angriffe auf Schwimmer*innen durch einen zwei Meter großen Wels im Brombachsee in Bayern. Nach den Beschwerden einiger Badegäste wurde die Polizei verständigt, die das Tier mit einer Schusswaffe tödlich verletzte. Anschließend kursierte eine Unmenge von Memes im Netz, die mit einer breiten Berichterstattung über den Vorfall korrespondierte und diese vermutlich auch anschob.

Accounts wie @derlampenputzer, @genossekevin oder auch @kanzlermeme griffen das Thema humoristisch auf und trugen dazu bei, dass sich der Wels zu einem memetischen Maskottchen links verorteter Popkultur online entwickelte. Unter Memes, die sich zum sogenannten ‚Team Wels‘ bekannten, waren Kommentare mit Wortspielen wie „Kein Wels ist illegal“1 zu lesen, die sich teilweise an linke Slogans anlehnten. Der Wels wurde ironisch viktimisiert, heroisiert und sogar mit Tropen von sexualisierter Männlichkeit – Daddy – gleichgesetzt. In der digitalen Remix-Kultur wurde das Schicksal des Welses mit Markus Söders Food-Content vermischt oder in filmische Klassiker wie Free Willy eingearbeitet. Auch der alte Slogan ACAB – ‚All Cops Are Bastards‘ – wurde augenzwinkernd zu ‚All Catfish Are Beautiful‘ umgedeutet.

Diese memetische Umdeutung des ACAB-Slogans nimmt der vorliegende Text zum Anlass, um ausgehend von dessen Gebrauch außerhalb und ‚vor‘ der Digitalkultur seine Übersetzung in verschiedene Meme-Formate genauer zu betrachten. Anhand der ACAB-Memes wird der Frage nachgegangen, wie das memetische Spiel mit politischen Codes zu einer produktiven Selbstvergewisserung unterschiedlicher Akteur*innen im Netz beiträgt, aber auch, wo die Grenzen progressiver Aushandlungen in diesen Meme-Formaten liegen. Diskutiert wird, was ACAB-Memes als identitätsstiftendes popkulturelles Symbol leisten können und welche Funktion sie als humoristische Entlastung erfüllen. Darüber hinaus werden auch die Limitationen des Meme-Formats in Hinblick auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der ACAB-inhärenten Kritik reflektiert. Vor diesem Hintergrund nimmt der Text schließlich digitale Praktiken der Anerkennung und Zeugenschaft in den Blick, die für eine tiefergehende Beschäftigung mit struktureller Gewalt wichtig sind.
ACAB als politischer und popkultureller Code: Eine Einordnung
Das Akronym ACAB fand zunächst Verbreitung in der britischen Punkszene der 1970er und 80er Jahre und ist inzwischen etablierter Code in der Popkultur. Als Graffiti, Tattoo oder auf Kleidungsstücken ist es zum globalen Erkennungszeichen mit hohem Identifikationspotenzial in linken Szenen geworden. Zuletzt wurde in Deutschland über die Abkürzung im Zusammenhang mit dem ACAB-Pullover von Jette Nietzard prominent diskutiert, den die Grünen-Politikerin im Bundestag trug und in einem Selfie auf Instagram postete. Aus der eigenen Partei hagelte es Kritik, Nietzard hingegen verteidigte ihre polizeikritischen Positionen in einem taz-Interview.2 Diese Beispiele zeigen, dass der Slogan ein Spannungsfeld eröffnet, in dem ACAB als popkultureller Code von sich links verortenden (Sub-)Kulturen lesbar ist – ähnlich wie der Zahlen-Code 161 –,3 aber zugleich auf Debatten verweist, die über popkulturelle Zugehörigkeitsmarkierungen hinausgehen. Denn in dem Slogan steckt eine Kritik, die nicht nur auf alltägliche Polizeigewalt, meist gegenüber migrantisierten Personen, abzielt, sondern in ihrer radikalsten Form auch strukturell verankerte, karzerale Praktiken staatlicher Institutionen in den Blick nimmt. Diese Kritik geht mit einer grundlegenden Infragestellung strafbasierter Ordnungen einher und verdichtet sich in abolitionistischen Theorien, die insbesondere seit den Protesten von Black Lives Matter verstärkt als Grundlage für Forderungen nach der Abschaffung der Polizei dienen. Statt repressive Einrichtungen weiter auszubauen, zu denen auch Militär und Geflüchtetenlager zählen, setzen diese Theorien antifaschistischer4 gesellschaftlicher Neuorganisation auf den Ausbau sozialer Strukturen mit einem Fokus auf Care-Praktiken und auf die Anerkennung gegenseitiger Abhängigkeit und Verletzlichkeit. Auf dieser Grundlage drückt der Slogan ACAB also nicht nur eine etwas juvenil anmutende Protesthaltung gegenüber Vertreter*innen der Staatsgewalt aus, sondern er berührt auch Fragen von Antirassismus, Klassengerechtigkeit und der Transformation des sozialen Miteinanders.5
In diese Kontexte schreiben sich – so oberflächlich und flüchtig die Witze zunächst scheinen mögen – auch Meme-Trends ein, die aus dem ACAB-Slogan hervorgehen. Diese verweisen zwar vor allem auf die popkulturelle Dimension des leicht anzueignenden Symbols, müssen jedoch, sofern die Memes als mikropolitische Artikulationen ernst genommen werden, auch im Kontext der unterschiedlichen diskursiven Abstufungen einer Kritik des Polizierens betrachtet werden. Dabei stellt sich die Frage, was diese Memes, etwa bezogen auf ihren humoristischen und identitätsstiftenden Charakter, leisten können, aber auch, wo ihre Grenzen in der Verhandlung polizeikritischer Positionen liegen.
comic relief im Krisenmodus
Noch vor den Wels-Memes entstand in den USA ein auf ACAB basierender Meme-Trend als Antwort auf den sogenannten Blackout Tuesday. Das war jener Tag im Jahr 2020, an dem auf Instagram private wie kommerzielle Accounts schwarze Kacheln im Gedenken an die Opfer von und als Protest gegen Polizeigewalt posteten. Die Kinderserie Paw Patrol, deren Protagonist Chase ein Hund in Polizeiuniform ist, erhielt daraufhin teils amüsierte, teils verärgerte Kommentare unter ihrer mit „MUTED & LISTENING“ beschrifteten Kachel. Zu lesen war dort: „Will Chase wear a body cam from now on?” oder „[Y]ou should use black actors to voice the black characters on the show […]”.6 Im Anschluss an den Post tauchten immer mehr Memes auf, die scherzhaft behaupteten, Chase misshandle seine Frau und Kinder und sei bei ACAB mitgemeint. Die Meme-Formel ‚ACAB includes …‘ erfreut sich seither internationaler Beliebtheit und wird auch im deutschen Kontext immer wieder aufgegriffen, nicht zuletzt deshalb, weil damit Kritik an sogenannter ‚Copaganda‘, also einer „romantisierte[n] Darstellung der Polizei in Kunst und Kultur“,7 zum Ausdruck gebracht werden kann.

Der Erfolg des Formats ‚ACAB includes …‘ lässt sich vermutlich auch damit erklären, dass hier ein abmildernder Umgang mit dem Pathos gefunden wird, das politischen Slogans oft inhäriert. Dieses Argument korrespondiert mit Johanna Maj Schmidts Beobachtungen zum Spiel mit Selbstironie in rechten Meme-Kulturen. Schmidt stellt fest, „dass sich zeitgenössischer rechter Humor […] nicht allein auf ein projektives Sich-über-andere-lustig-Machen beschränkt“, sondern sich ebenfalls in „Beziehungsangeboten“ ausdrückt, „die [dieser] Humor häufig zu machen scheint, indem die eigene wahrgenommene (männliche) Ohnmachtsposition auf selbstironische Weise sublimiert wird.“8 Schmidt führt hier die Beispiele ridikülisierender Militärabzeichen sogenannter Meme Warriors an, die für sie einen Ausdruck der Sehnsucht nach heroischer Männlichkeit und zugleich deren Brechung darstellen: Es wird ja nur mit Memes gekämpft.
Im memetischen Spiel von ‚ACAB includes…‘ lässt sich eine ähnlich identitätsstiftende Selbstironie als Beziehungsangebot beobachten. Identitätsstiftend deshalb, weil ACAB vor allem als Code linker Popkultur lesbar ist, dessen Verwendung ein bestimmtes Ingroup-Wissen voraussetzt. In der memetischen Verarbeitung wird jedoch mit der Bedeutungsschwere des Kontextes – in diesem Fall der Angst vor institutionalisierter Gewalt – auf spielerische Weise gebrochen, wodurch zugleich ein Bedürfnis nach humoristischer Entlastung bedient wird. Auf diese Art können affektive Spannungen angesichts von Krisen und Gewalt – wie sie im Zuge der Black Lives Matter-Proteste 2020 präsent waren – zum Teil abgefedert werden.9 Auch könnte der durch Memes vermittelte Humor als Versuch verstanden werden, politische Verhärtungen und eine moraline Verbissenheit zu entschärfen, die die sogenannte ‚Dirtbag Left‘ der bürgerlichen Linken oft vorwirft. Gespräche mit selbsternannten oder mit ihr assoziierten Vertreter*innen dieser „loose media sphere known for its crass, confrontational style“ führt der Künstler Joshua Citerella regelmäßig in seinem Podcast-Format Doomscroll.10

Besonders effektiv scheint die Wirkung der beschriebenen Memes dann, wenn die Formel ‚ACAB includes …‘ auf harmlose, (nostalgisch-)affizierende Kinderserien wie die Kommissaren-Bande Die Pfefferkörner angewendet und damit auf eine geteilte Kindheitserfahrung referiert wird. Auch das stützt die These, dass ACAB-Memes ein Beziehungsangebot an eine Deutungsgemeinschaft schaffen, das auf kollektive Erfahrungen verweist und diese gleichzeitig aktualisiert und erweitert.
Auf diese Weise wird anhand der ‚ACAB includes …‘-Memes deutlich, dass der oft (nicht nur von rechts) vorgebrachte Vorwurf, ‚die Linke‘ könnte nicht memen, so pauschal nicht aufgeht.11 Vielmehr entstehen memetische Praktiken in allen Subkulturen und sind einerseits Ausdruck harmlosen Spiels, können jedoch andererseits – intentional oder beiläufig – als effektives Instrument im Kampf um die Deutungshoheit auf dem von Stuart Hall beschriebenen Feld der „popular struggles“ fungieren.12 Das ‚Verführungspotenzial‘ eines dissidenten Humors, das Johanna Maj Schmidt dem Anti-PC-Humor rechter Meme-Kulturen attestiert, ist deshalb nicht so singulär, wie der Fokus auf rechten Memes vieler Meme-Forschungsprojekte vermuten lässt.13
Der Erfolg des selbstironischen Spiels von sich als links identifizierenden oder wahrgenommenen Netzkulturen lässt sich nicht zuletzt auch an den aggressiven Reaktionen einer meist konservativen Presse ablesen, vor allem dann, wenn auf das Spiel mit gruppeninternen Codes eine moralische Panik folgt. Im Falle der ACAB-Memes zu Paw Patrol äußerte sich diese in der Behauptung von Fox News, ein ‚rage mob‘14 fordere das Canceln des Paw Patrol-Hundes, woraufhin sich zahlreiche Nutzer*innen, meist Eltern, hinter der memetischen Gegenformel ‚I stand with Chase‘ versammelten.
Doch das Heraufbeschwören von moralischer Panik ist nicht das einzige Mittel im Kulturkampf von rechts. Das zeigt sich fünf Jahre nach dem Paw Patrol-Meme in der Aneignung der Wels-Memes durch rechte Accounts auf X/Twitter. Rechte Aneignungs- und Ambivalenzstrategien sind fester Bestandteil politischer Aushandlungsprozesse – gerade im Netz. Diese Strategien gehen besser oder schlechter auf, stellen jedoch oft Formen eines memetischen ‚hijackings‘ dar.15 Im Folgenden soll anhand der Wels-Memes gezeigt werden, warum gerade diese sich gut für eine derartige Vereinnahmung eignen.
Zynische Aneignungsstrategien
Im Fall der Wels-Memes nutzten rechte Netzakteur*innen die online generierte Aufmerksamkeit, um sogenanntes dogwhistling zu betreiben. Sie verwendeten das Wels-Meme gemeinsam mit linken Parolen zur Bewerbung eigener Veranstaltungen und erzeugten dadurch unter ihren Unterstützer*innen ein gemeinschaftsstiftendes Gefühl kollektiv vollzogener Abwertung, das für Außenstehende auf den ersten Blick nicht gleich erkennbar war.16 Der rechtsextreme Influencer Martin Sellner postete kurz vor einer zuvor verbotenen Veranstaltung in Augsburg einen ‚Wels-Meme-Sammelfaden‘ auf X/Twitter. Dort wurde neben KI-generierten Bildern, in denen beispielsweise Sellner mit dem Wels vor der Polizei wegläuft, auch immer wieder der Slogan und Hashtag #WelsLivesMatter geteilt, unter dem sich in der Folge viele rechte Memes versammelten. Fabian Schäfer beschrieb diese Art der Aneignung bereits 2023 mit dem Begriff des ‚konnektiven Zynismus‘. Dabei handelt es sich um die strategische Aneignung memetischer Slogans und Bilder antirassistischer oder feministischer Bewegungen, um diese ins Lächerliche zu ziehen und ihre mobilisierende Wirkung zu schwächen. Dass die Memes und Hashtags nicht immer klar zugeordnet werden können, ist dabei Teil der Strategie: „Zyniker*innen verhalten sich also zynisch, weil sie die Spielregeln zwar anerkennen (denn sonst gäbe es ja kein Spiel mehr), aber die gemeinhin akzeptierten Spielregeln vor den Augen aller in ihrem Sinne uminterpretieren, indem sie z.B. bewusst die Unwahrheit behaupten oder Aussagen ambig halten“.17
Auf den ersten Blick wirkt Wels Lives Matter als Slogan harmlos und kann nicht unbedingt direkt dem Kontext rechter Meme-Strategien zugeordnet werden. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich, dass unter dem Hashtag menschenverachtende Inhalte geteilt werden. Hier kippt das Potenzial der spielerischen Zugehörigkeitsmarkierung als Teil des ‚Team Wels‘ und offenbart die Problematik dieses memetischen Beziehungsangebots. Denn wie bereits erwähnt fanden sich auch unter den Posts von @kanzlermeme oder @derlampenputzer18 Kommentare, die linke Parolen auf den Wels hin ummünzten. Doch im Kontext der rechten Memes auf X wird die Gleichsetzung des Wels mit Opfern von Polizeigewalt zu einem Einfallstor rassistischer sowie antisemitischer Narrative.
Anders als bei dem Meme ‚ACAB includes…‘ ließe sich bei den Wels-Memes deshalb argumentieren, dass diese sich besonders gut für eine Vereinnahmung von rechts eignen, da hier die politischen Dimensionen von Polizeigewalt vor allem gegenüber Menschen mit marginalisierten Subjektpositionen – etwa aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Armut oder ihres Geschlechts – eher verdeckt verhandelt werden. Dieses Argument wird durch die Tatsache untermauert, dass das Zusammenspiel aus Memes und breiter medialer Berichterstattung im Falle des Welses die Sichtbarkeit realer rassistisch motivierter Gewalt verdrängte.
Der Fisch als Form paradoxer Entpolitisierung
Während die ACAB-Memes die Feeds der sozialen Medien fluteten und das Feuilleton das Sommerloch mit Wels-Content füllte, ereignete sich nur einen Tag später am Brombachsee die Tötung eines 15-jährigen Schwarzen Jungen, der zuvor durch die mutmaßliche Täterin rassistisch beleidigt worden war.19 Karolina J. soll, nachdem Ricardo C. sie nach einer Zigarette gefragt hatte, entgegnet haben, er solle dafür arbeiten und in sein Land zurückkehren. Die Auseinandersetzung endete mit dem Tod von Ricardo C., den die 19-Jährige, laut Augenzeugen nach weiteren rassistischen Beleidigungen, mit einem Taschenmesser erstach. Über diesen Vorfall berichtete bis auf die SZ kaum eine überregionale Zeitung, obwohl der Brombachsee als Schauplatz des Wels-Dramas zu dieser Zeit prominent Schlagzeilen machte.20 Dabei kann die Verdrängung von rassistischer und struktureller Gewalt durchaus als symptomatisch gelten und findet beispielsweise auch dann statt, wenn – wie im Fall des 2025 in Oldenburg erschossenen Lorenz A. – unkritisch Polizeiberichte von etablierten Medien übernommen werden.21
Vor diesem Hintergrund könnte die ironische Solidarität mit dem Wels sogar zu einer ungewollten Verfestigung diskriminierender Strukturen führen. Bei den ‚ACAB includes…‘-Memes ist das insofern anders, als dass diese nicht die Opfer, sondern die Vertreter*innen der Staatsgewalt adressieren und analytisch als Mittel zur Aufdeckung von ‚Copaganda‘ verstanden werden können. Im Falle der Wels-Memes stellt sich wiederum die Frage, ob in ihnen nicht bereits Potenziale für eine zynische Aneignung durch rechte Accounts enthalten sind. Dies zeigt sich insbesondere dann, wenn ihre Verbreitung dazu beiträgt, die Sichtbarkeit realer Fälle zu überlagern oder zu verdrängen.
Dennoch ließe sich argumentieren, dass auch in den ‚ACAB includes…‘-Memes eine konstante Gefahr der Diskursverflachung und Verulkung schlummert, die der pointenhaften Verkürzung des memetischen Humors schlichtweg innewohnt. Für eine fundierte gesellschaftlich-materielle Kritik sind Memes deshalb nur bedingt geeignet und es würde eine Überforderung des medialen Formats bedeuten, diesen Anspruch an sie zu stellen. Denn natürlich folgen Meme-Trends keinen ethischen Vorgaben, sondern entstehen spontan, lassen sich nicht einfangen und sind, wie der konnektive Zynismus zeigt, schon gar nicht einem politischen Lager zuzuordnen. Deshalb wäre es ebenfalls verkürzt, diesen Text mit der pauschalen und an Kulturpessimismus grenzenden Kritik am memetischen Spiel mit politischen Codes an sich stehen zu lassen. Vielmehr muss gefragt werden, auf welche Weise strukturelle Gewalt generell in politischen (Sub-)Kulturen des digitalen Raums verhandelt wird. Dabei geht es um Gewichtungen und Situierungen, um Sichtbarkeit sowie nicht zuletzt auch um Fragen nach kollektiver Zeugenschaft und Solidarität.
Sichtbarmachung als digitale Care-Praktik
Das produktive Gegenbeispiel eines anderen Umgangs mit struktureller und rassistischer Gewalt findet sich auf dem Instagram-Kanal des Investigativ-Journalisten Mohamed Amjahid. Dieser teilt dort neben Memes auch Ausschnitte aus von ihm verfassten Zeitungsartikeln zu realen Fällen von institutionalisierter Gewalt. Vor allem gibt Amjahid den Personen, die im Zusammenhang mit polizeilichen Vorgängen Schaden genommen haben oder zu Tode gekommen sind, Namen und zeigt ihre Gesichter. Im Fall des jungen marokkanisch-stämmigen Mohamed E., der 2025 in Dachau in Polizeigewahrsam kollabierte und anschließend im Krankenhaus verstarb, gibt Amjahid einen Einblick in dessen letzte Social-Media-Aktivitäten. So hatte Mohamed E. beispielsweise kurz vor seinem Tod den Pop-Song Mok ya mok auf seiner Facebook-Seite geteilt, der „die Schattenseiten der marokkanischen (Arbeits-)Migration in der Diaspora“ thematisiert.22 Durch das Teilen dieser persönlichen Information eröffnet Amjahid eine Perspektive, die über die reine Berichterstattung über die ungeklärten Todesumstände hinausgeht. Denn Amjahid verweist hier indirekt auch auf die prekären Lebensverhältnisse vieler migrantisierter Personen, die von Polizeigewalt betroffen sind. Damit berührt diese Perspektive auch die komplexen Zusammenhänge von „Einsperrungsinstitutionen und Kontrolltechniken“ in kapitalistischen Systemen, die eine Grundlage von ‚linker Repressionskritik‘ bilden, wie sie im ACAB-Slogan zum Ausdruck kommt.23

Wahrscheinlich liegt genau in dieser Mischung auf Amjahids Account ein produktiver Ansatz, die Bruchlinien zwischen wichtiger Zeugenschaft von real stattfindender Gewalt, einer tiefergehenden Kritik des Polizierens und der Sehnsucht nach humoristischer Entlastung zu überbrücken. Es geht also letztendlich darum, neben den Memes auch Raum für memetische Praktiken der Trauer und Anerkennung zu entwickeln, wie sie beispielsweise in Hashtags wie #SayTheirNames – im deutschen Kontext speziell von der Hanauer Initiative 19. Februar verwendet – ihren Ausdruck finden. Diese Formen einer Intervention, der Aufforderung zum Innehalten beim Scrollen, zum Teilen und damit zur Herstellung von Sichtbarkeit, sind Formen digitaler Rituale der Anteilnahme und können – ähnlich wie die humoristische Entlastung durch Memes – als Teil politischer Care-Arbeit im Netz betrachtet werden.

Um also nicht in einer wenig zielführenden, tendenziell kulturpessimistischen Meme-Kritik zu verharren, geht es wahrscheinlich vielmehr um ein ‚Yes and –‘,24 also um eine Perspektive, die Anerkennung der Notwendigkeit von befreiender Blödelei und einer abmildernden (selbst-)ironischen Haltung neben der ernsteren Notwendigkeit von kollektiven Bezeugungs- und Trauergesten stehen lassen kann.
- Kommentar von @nicktivist_rot unter dem Post @kanzlermeme: Vergessen ist einfach, aber verzeihen ist schwerer, Instagram, 4.7.2025, https://www.instagram.com/p/DLrRKCjsxhJ/?i (25.7.2026). ↩︎
- Konrad Litschko und Benno Stieber: „Herr Bohnert ist kein Bastard“, taz, 5.7.2025, https://taz.de/ACAB-Streitegespraech-mit-Jette-Nietzard/!6095428/ (25.7.2026). ↩︎
- Auf TikTok finden sich viele Clips, in denen sich User*innen das white power-Zeichen rechter Jugendkultur zurückaneignen und in ein Handzeichen mit der Bedeutung 161 (Antifaschistische Aktion) einbinden: https://www.tiktok.com/@eni_1614/video/7642371078093868320 (25.7.2026). ↩︎
- Mit ‚antifaschistisch‘ beziehe ich mich auf ein taz-Interview mit Vanessa E. Thompson. Thompson definiert Antifaschismus hier als den Angriff auf „die gesellschaftlichen Bedingungen […], die Faschismus produzieren.“ Sie macht deutlich, dass Faschisierungstendenzen bereits in der strukturellen Organisation ehemaliger Kolonialstaaten angelegt sind und es deshalb einen „antirassistische[n] Klassenkampf von unten“ braucht. Interview von Timm Kühn: „In einem formal liberalen Staat kann es Faschismus geben“, taz, 5.7.2026, https://taz.de/Vanessa-E-Thompson-ueber-Antifaschismus/!6187877/ (25.7.2026). ↩︎
- Zur vertiefenden Lektüre siehe den Sammelband von Daniel Loick und Vanessa E. Thompson (Hg.): Abolitionismus, ein Reader, Berlin 2022 sowie Alberto Toscano: Late Fascism: Race, Capitalism and the Politics of Crisis, New York 2023. ↩︎
- Kommentar von @guillaume.fplm und @erinckasper unter dem Post @pawpatrol: In solidarity of #amplifymelanatedvoices […], Instagram, 2.6.2020, https://www.instagram.com/p/CA7x-e-pGlK/ (25.7.2026). ↩︎
- Mohamed Ahmjahid: Alles nur Einzelfälle? Das System hinter Polizeigewalt, München 2024, 147. ↩︎
- Johanna Maj Schmidt: Remember the Fallen: Rechte Selbstironie in den »Meme Wars« und das Verführungspotenzial von Anti-PC-Humor, in: Freie Assoziationen, Nr. 23, Frühling 2021, 112–117, hier 112. ↩︎
- Siehe zu Identitätsstiftung und comic relief-Verfahren auch die Ausführungen von Florian Schlittgen zu Memes im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine: Lisa Tracy Michalik, Florian Schlittgen und Brigitte Weingart: Meme-Kulturen als intervenierende Praktiken, in: Jürgen Brokoff, Karin Gludovatz und Matthias Warstat (Hg.): Intervenierende Künste. Begriffe – Verfahren – Prozesse, Zürich 2026, 169–199, hier 181 ff. ↩︎
- Chris Wiley: The Leftist Podcaster Who Studies Online Radicalization, The New Yorker, 27.9.2025 https://www.newyorker.com/culture/podcast-dept/the-leftist-podcaster-who-studies-online-radicalization (25.7.2026) ↩︎
- Zur Kritik an der Unterstellung „The Left can’t meme“ vgl. auch Geert Lovink und Marc Tuters: They Say We Can’t Meme: Politics of Idea Compression, auf dem Blog des Institute of Network Cultures, 11.2.2018, ↩︎
- Stuart Hall: The Popular-Democratic vs. Authoritarian Populism: Two Ways of “Taking Democracy seriously”, in: The Hard Road to Renewal: Thatcherism and the Crisis of the Left, London 1988, 123-149. ↩︎
- Mit der Identifikation dieses Verführungspotenzials von Anti-PC-Humor schließt Schmidt an eine Reihe einschlägiger Analysen an, die regressiven Humor als Werkzeug hegemonialer Aushandlungen im Netz bereits umfänglich untersucht haben. Vgl. etwa Angela Nagle: Kill All Normies: Online Culture Wars from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right, Winchester 2017; Whitney Phillips, Ryan M. Milner: The Ambivalent Internet: Mischief, Oddity, and Antagonism Online, Cambridge 2017; Simon Strick: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, Bielefeld 2021. ↩︎
- Joseph Wulfsohn: Reported outrage toward Nickelodeon cartoon ‚Paw Patrol‘ sparks wild reactions online, Fox News, 11.6.2020 https://www.fox5atlanta.com/news/reported-outrage-toward-nickelodeon-cartoon-paw-patrol-sparks-wild-reactions-online (25.7.2026) ↩︎
- Ana Makhashvili: Hijacking Solidarity Affective Networking of Far-Right Publics on Twitter, in: Margreth Lünenborg, Birgitt Röttger-Rössler (Hg.): Affective Formation of Publics: Places, Networks and Media, London 2024, 149-172. ↩︎
- Vgl. den Blog-Beitrag „Warum Rechtsextreme den Wels abfeiern“, Campact Blog, 22.7.2025 https://www.campact.de/blog/2025/07/rechtsextreme-wels-sellner-harambe-peanut/ (25.7.2025) ↩︎
- Fabian Schäfer: Konnektiver Zynismus. Politik und Kultur im digitalen Zeitalter, Bielefeld 2023, 33. ↩︎
- Hier sei darauf hingewiesen, dass der Wels-Beitrag inzwischen nicht mehr auf dem Kanal des Nutzers vorhanden ist. ↩︎
- Olaf Przybilla: Es ging wohl nur um eine Zigarette, Süddeutsche Zeitung, 22.01.2026 https://www.sueddeutsche.de/bayern/mordprozess-brombachsee-ramsberg-ansbach-karolina-j-zigarette-li.3373037 (25.7.2026) ↩︎
- Elena Zengel: Rassistische Beleidigungen und ein Streit um eine Zigarette: 15-Jähriger erstochen, Süddeutsche Zeitung, 23.6.2025 https://www.sueddeutsche.de/bayern/brombachsee-pleinfeld-15-jaehriger-messer-getoetet-obduktion-ermittlungsstand-li.3273142 (25.7.2026) ↩︎
- Mohamed Amjahid: Tod von Lorenz A. in Oldenburg: So versagen Polizei und Medien – jetzt auch mit KI, Der Freitag, 23.4.2026 https://www.freitag.de/autoren/mohamed-amjahid/tod-von-lorenz-in-oldenburg-so-versagen-polizei-und-medien-jetzt-auch-mit-ki (25.7.2026) ↩︎
- Mohamed Amjahid @m_amjahid: Caption zum Post, Instagram, 19.2.2026 https://www.instagram.com/p/DU71QqmDclv/ (25.7.2026) ↩︎
- Daniel Loick und Vanessa E. Thompson: Was ist Abolitionismus? in: Daniel Loick und Vanessa E. Thompson (Hg.): Abolitionismus, ein Reader, Berlin 2022, 7–56, hier 36. ↩︎
- Der Ausdruck ‚Yes and –‘ ist in diesem Zusammenhang von der Autorin und Podcasterin Alice Hasters übernommen: Feuer & Brot, Podcast, 19:41 Min., mit Alice Hasters und Maxi Häcke, Folge: „Merz, Stadtbild und die Töchter: Nerviger wird es nicht.“ Erstausstrahlung 1.11.2025 https://podcast6de73d.podigee.io/121-neue-episode (25.7.2026) ↩︎
Veröffentlicht am 02.09.2026