Das wird man ja wohl noch singen dürfen: L’amour toujours und neurechte Ambivalenzstrategien

von Florian Schlittgen

Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft machte im Mai 2024 ein Video Schlagzeilen, in dem Menschen auf der Insel Sylt rassistische Parolen zu Gigi D’Agostinos Song L’amour toujours grölen. Während die ausländerfeindliche Umdichtung des Originaltextes bereits Ende 2023 im Netz zirkulierte, sorgte das Sylt-Video aus mehreren Gründen für ein breiteres Medienecho. Einerseits wurde die massenmediale Reaktion von der Sorge angetrieben, dass das Lied auch während der Fußball-EM zum kollektiven Einstimmen in fremdenfeindliches Gedankengut zweckentfremdet werden könnte. Deutschland war schließlich EM-Gastgeberland und die UEFA bemüht, ihr PR-Motto «United by Football» symbolisch aufrechtzuerhalten. Andererseits sorgte das Video auch deshalb für Entrüstung, weil «Deutschland den Deutschen» sowie «Ausländer raus» hier feiernd auf dem einschlägigen DöpDöDöDöp-Beat von D’Agostinos Eurodance-Hit skandiert wird – und das von Personen, die eher nach FDP-Klientel als nach Neonazis aussehen. Skandalös war das Video also nicht so sehr aufgrund der in ihm vertretenen menschenfeindlichen Ideologie, deren Existenz angesichts der Wahlerfolge der AFD tatsächlich weniger überrascht, sondern weil diese als Teil einer feierlaunigen Popkultur sowie eines Milieus erscheint, das eben nur augenscheinlich kein rechtes ist. 

Die rechtsradikale Indienstnahme populärer Musik ist allerdings kein neues Phänomen. Bereits um 2010 wurden auf Nazi-Aufmärschen Lieder auch antirassistischer Künstler:innen wie Die Ärzte, Madsen oder Wir sind Helden abgespielt und damit eine Aneignung linker Popkultur betrieben, die in den 1990er Jahren mit Rechtsrockbands wie Landser – durch Coverversionen u. a. von Ton Steine Scherben – einen ihrer Anfänge gefunden hat. Mit einer rassistischen Umdeutung des Lieds Timber von den Musikerinnen Pitbull und Kesha wurde 2015 dann auch ein internationaler Popsong von deutschen Nazi-Kreisen gekapert.1 Für eine stark medienaffine Rechte, wie sie u. a. von Angela Nagle untersucht wurde, bilden popkulturelle Aneignungen dann auch keine Ausnahmen mehr, sondern die Regel.2 Die neue Rechte ist nicht nur eine modernisierte, sondern digitalisierte, die in zeitgenössischen Medienkulturen neben neuen Sprach-, Darstellungs- und Aktionsformen auch einen zentralen Einsatzpunkt ihres politischen Kampfs gefunden hat.3 Unter der Prämisse eines ‹Kulturkampfs von rechts› sind es nicht mehr die Parlamente oder Straßen allein, sondern auch der viel zitierte ‹vorpolitische› Raum (nicht nur, aber besonders) digitaler Popkulturen, die von rechten Strömungen vereinnahmt werden. Neben einer modernisierenden Arbeit am eigenen Selbstbild folgen neurechte Aneignungen insofern auch einem kulturpolitischen Kalkül: Es geht darum, rechtsextreme Positionen jenseits des eigenen Milieus anschlussfähig zu machen und moralische Grenzen entsprechend zu verschieben bzw. aufzuweichen. Mal davon abgesehen, ob das Sylt-Video aus Gründen digitaler Politisierung hochgeladen wurde oder nicht, scheint dieses Kalkül hier aufzugehen. Auf gutefrage.net berichtet beispielsweise ein*e Nutzer*in ‹Spaghettius› nicht ohne eine gewisse Selbstscham, «im Keller wenn alle Fenster verschlossen sind» L’amour toujours mitsamt rechter Umtextung «vielleicht sogar» mitzusingen.4 

Um Faschismus in eine mehrheitsfähige Form zu pressen, wird in digitalen Pop- und Meme-Kulturen zudem mit Ambivalenzen und semantischer Doppelbödigkeit gearbeitet. Wie die Forschung zu rechten Bild- und Medienstrategien gezeigt hat, werden Subtexte und Uneindeutigkeiten strategisch eingesetzt, um Zensurinstanzen zu umschiffen und radikale Positionen zu normalisieren.5 Auch in Meme-Kulturen werden fremdenfeindliche Positionen sowie die mit ihnen resonierenden Affektstrukturen mittels spielerisch-kreativer und teilweise humorvoller Verpackung für ein breiteres Publikum anschlussfähig gemacht.6 Auch L’amour toujours ist von einer verharmlosenden Mehrdeutigkeit gekennzeichnet. Aufgrund der rassistischen Codierung des DöpDöDöDöp-Beats konnte die rechtsextreme Botschaft nämlich auch ohne ihr Aussprechen in Form eines offenen Geheimnisses durchklingen. Während das rechtsorientierte Abspielen von L’amour toujours kurz nach dem Sylt-Video noch mit einer rezeptiven Ungewissheit spielen konnte (Ungewissheit darüber, ob das Lied nun als rechte Chiffre oder aber als wehmütiges Liebeslied angestimmt wird), kann dessen Wiedergabe im längeren medialen Nachhall des Sylt-Eklats im Grunde nur noch eingedenk der rassistischen Codierung erfolgen. Seine Lesart als rechtes Erkennungssymbol hat sich mehrheitlich festgesetzt, weshalb selbst vermeintlich wohlwollendes Abspielen des Songs zum umstrittenen Politikum werden kann, wie es auf dem Hoffest im Roten Rathaus in Berlin zuletzt nun auch geschehen ist.7 Dass die rechte Besetzung von L’amour toujours sich wiederum gesamtgesellschaftlich durchgesetzt hat, geht dabei auch auf die deutschlandweite Berichterstattung zurück. Denn alternative und linke Re-Appropriationen, von denen es nicht wenige gibt, fanden hier kaum Erwähnung.8 

Rassistische Zweideutigkeit auch als Sticker

In der rechtsextremen Vereinnahmung von L’amour toujours schreiben sich also neurechte Strategien fort, die in digitalen Bildpraktiken und Meme-Kulturen vielfältig erprobt und als solche auch kritisch besprochen wurden. Weniger thematisiert, für den Fall L’amour toujours aber umso wichtiger, wurde aber die Frage, ob den ästhetischen Qualitäten des Lieds selbst eine agency bei der spielerischen Verbreitung rechtsextremer Ideologien zuzusprechen ist. So wurde hier eine rechtsextreme Position einem harmlosen Popsong ja nicht einfach aufgepfropft, sondern als Ohrwurm weiterverbreitet und eingängig gemacht. Nicht nur einmal taucht im Netz die Frage auf, wie «man diesen rassistischen Ohrwurm wieder aus dem Kopf» bekomme.9 Die Losung heißt hier also auch: Agitation durch Ansteckung. 

Tatsächlich ist der Ohrwurm als Denkbild für memetische Vervielfältigung nicht neu. Bereits Richard Dawkins hat seine Mem-Theorie u. a. am Beispiel von «tunes» und «catch-phrases» plausibilisiert.10 Direkter noch versteht Dirk von Gehlen Memes als «Ohrwürmer des Internets», um zu veranschaulichen, wie selbst Bild-Text-Memes «sich quasi ins Gehirn» kleben und dort auch «ohne echte Musik weiterspiel[en]».11 Mit der Ohrwurmmetaphorik wird die suggestive Kraft von Memes beschworen; Personen, die Memes konsumieren und produzieren, werden dabei als deren passive Empfänger*innen dargestellt. 

Die Rede vom «rassistischen Ohrwurm» scheint der Figur memetischer Zirkulation als unbewusst-unfreiwilliger Übernahme nun Recht zu geben. Zugleich führen Gegen-Aneignungen vor, dass das Resonanzgeschehen kein passiv-einlullendes, sondern ein durchaus widerstreitendes ist. Auch die Ohrwurmhaftigkeit selbst wurde zum Gegenstand selbstironischer Aneignungen, wenn die TikTok-Userin ‹amiya..am› als betroffene Deutsch-Türkin sich beispielsweise dabei filmt, wie sie beim Putzen die fremdenfeindlichen Parolen scheinbar automatisch vor sich hin singt.12 Insofern ist die Rede vom Ohrwurm, mit der die ansteckende Kraft von Memes unterstrichen wird, selbst eine ambivalente Denkfigur.13 Einerseits gewinnt Fremdenfeindlichkeit im popkulturellen Gewand an Anschlussfähigkeit und kann über das Musikalische zu einer unfreiwillig eingängigen Sache werden. Nicht umsonst ist im Englischen bei Ohrwürmern auch von ‹sticky music› die Rede. Andererseits ist man diesem Übertragungsgeschehen nicht einfach ausgesetzt. Es kann (wortwörtlich) auf ‹taube Ohren› stoßen oder in einer Umkehrbewegung Gegen-Aneignungen provozieren. Für die Verbreitung von L’amour toujours als fremdenfeindliches Meme ist insofern nicht allein das Meme, sondern auch ein rechter bzw. rechtsaffiner Resonanzboden mitverantwortlich, auf dem das Lied erst seinen Nachhall finden konnte. Möchte man die vielen Fälle, in denen L’amour toujours auf Gartenpartys, Dorffesten in Fußballstadien und privaten Kellern rassistisch zweckentfremdet wurde, als ohrwurmhaftes Ansteckungsgeschehen verstehen, dann nur in Hinblick gesellschaftlich bereits existierender, unterschwellig oder explizit gepflegter Ressentiments, an die das Lied andockt, um sie spielerisch auszuleben und schließlich zu normalisieren. 

  1. Vgl. Luke Harding: There have to be limits. Mixed feelings from Germans over refugees, The Guardian, 11.11.2015, https://www.theguardian.com/world/2015/sep/11/not-all-germans-welcome-refugees-eisenhuettenstadt-east-germany. ↩︎
  2. Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution, Bielefeld 2018.  ↩︎
  3. Vgl. Simon Strick: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, Bielefeld 2021. ↩︎
  4. Kommentar von Spaghettius unter dem Post von o. A.: Ohrwurm vom Sylt Lied?, gutefrage.net, Juni 2024, https://www.gutefrage.net/frage/ohrwurm-vom-sylt-lied. ↩︎
  5. Thematisch aufgegriffen wurde das u. a. auf dem Workshop «Radikale Ambivalenz. Visuelle Strategien der Uneindeutigkeit in rechtsradikalen Bild- und Medienpraktiken», der von Susanne Wernsing und Roland Meyer im Mai 2022 organisiert wurde. Das Programm ist online abrufbar: https://www.b-tu.de/news/artikel/20840-radikale-ambivalenz-visuelle-strategien-der-uneindeutigkeit-in-rechtsradikalen-bild-und-medienpraktiken. Siehe zum Thema auch: Ryan M. Milner, Whitney Phillips: The Ambivalent Internet: Mischief, Oddity, and Antagonism Online, Cambridge 2017; Christian Schwarzenegger, Anna Wagner: It’s Funny Cause it’s Hate: Political Satire as Right Wing Propaganda. A Study on Activism in Disguise, Prag 2018, unveröffentlichter Vortrag auf der 68. Jahrestagung der International Communication Association.  ↩︎
  6. Vgl. Fabian Schäfer: Konnektiver Zynismus. Politik und Kultur im digitalen Zeitalter, Bielefeld 2023; Strick: Rechte Gefühle.  ↩︎
  7. Vgl. dpa: „L’Amour toujours“ führt zu Ärger beim Hoffest im Roten Rathaus,rbb24.de, 04.09.2024, https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/09/lamour-toujours-berlin-wegner-hoffest-dj-song-agostino-rotes-rathaus.html ↩︎
  8. Mit Ausnahme von einem Artikel von Doris Akrap, in dem sie auch zur Re-Appropriation des Lieds aufgerufen hat. Vgl. Doris Akrap: Reclaim your Italo-Dance-Kracher, taz, die Tageszeitung, 10.08.2024, https://taz.de/Lamour-toujours/!6026486/. ↩︎
  9. Starkman405: rechter Ohrwurm wegen Sylt-Song wegbekommen?, gutefrage.net, Juli 2024, https://www.gutefrage.net/frage/rechter-ohrwurm-wegen-sylt-song-wegbekommen. ↩︎
  10. Vgl. Richard Dawkins: The Selfish Gene, Oxford 1973. ↩︎
  11. Vgl. Dirk von Gehlen: Meme, Berlin 2020, S. 13 f. ↩︎
  12. amiya..am: POV: du hast unabsichtlich einen Ohrwurm bekommen, TikTok, 25.05.2024, https://www.tiktok.com/@amiya..am/video/7372982408074775840 ↩︎
  13. Brigitte Weingart hatte sich zuletzt mit dem Begriff der Viralität als Ansteckungsgeschehen kritisch auseinandergesetzt. Vgl. Brigitte Weingart: »Resonanzkörper«. Phantasmen von connectedness in viraler Werbung (und partizipatorischen Web-Formaten), in: Ästhetik & Kommunikation, Nr. 180/181: Werbung. Berlin 2020, S. 114-129. ↩︎