von Gwen Schlüter
Im März 2022 ging ein sogenannter Sound auf TikTok viral, der einen kurzen Ausschnitt aus einem Interview mit der Schauspielerin Julia Fox bei der Oscar-Afterparty zitiert. Fox wird zu ihrem kräftigen, schwarzen Lidstrich befragt: „You always have that strong eye make-up – is that you, or do you have a make up artist who does that for you?“ Nonchalant und in einem hauchigen Ton antwortet Fox: „I actually did it myself, yeah …“ Diese Antwort zog eine Reihe von TikTok-Videos nach sich, die den Sound memetisch aufgriffen und in unterschiedliche Kontexte stellten. Meist ging es darum, die eigenen eher unbeeindruckenden Fähigkeiten selbstironisch auszustellen.
Aufgrund dieses Sounds und auch wegen ihres Stils avancierte Fox zu einer Art Avantgarde-Influencerin. Fox‘ selbstbewusste Seltsamkeit wurde in der Online-Kultur zu einer eigenen Marke. Ihr Stil, zunächst belächelt, ist in Fashion-Zirkeln inzwischen Ton angebend. Auch das ist ein Grund, warum sie sich nun als namentlich erwähnte Referenz in den Songs der Popsängerin Charli xcx wieder findet, deren Hit-Album brat seit seinem Erscheinen im Juni 2024 im Internet für Furore gesorgt hat. Zu Beginn des Video-Clips zum Song 360sieht man Fox zusammen mit anderen momentan angesagten Frauen der Online-Popkultur an einem großen Dinner-Tisch sitzen, um gemeinsam das new, hot internet girlzu küren. Im Refrain des Songs singt Charli xcx „I‘m everywhere, I‘m so Julia“, wobei sie sich auf Julia Fox bezieht.
Mit brat ist Charli xcx nicht nur in musikalischer Hinsicht ein großer Wurf gelungen, sie hat es durch eine aufwendige Marketingkampagne auch geschafft, den brat summer auszurufen und damit vor allem den Vertreter:innen der sogenannten Gen Z einen kollektiven Popmoment zu bescheren. Auf der Plattform TikTok wird brat nicht nur als Album gefeiert, sondern auch zu einem eigenen Stil und einer Haltung erhoben, die sich sogar in einer eigenen Farbe – Chartreuse – ausdrückt.1 Charli xcx, früher vor allem bekannt für ihre Verkörperung des coolen Party-Girls aus der Upper-Class, inszeniert sich mit bratmehr denn je auf selbstironische Weise und spricht in einigen Songtexten auch persönliche Unsicherheiten an. Ein Beispiel dafür ist der Remix des Songs Girl, so confusing, in dem sie mit der Sängerin Lorde gemeinsam darüber singt, wie seltsam es ist, von der Musikindustrie in einen permanenten Vergleich gestellt zu werden.
Was an der brat-Ästhetik so gut funktioniert, sind die online entstandenen, popkulturellen Codes, die sich wiederum mit einer Nahbarkeit von Charli xcx in ihren Texten zu verbinden scheinen. So griffen viele User:innen auf Instagram und TiktTok schnell ein paar der prägnantesten Songzeilen auf und bezeichneten sich beispielsweise selbst als 365 Party Girl (in Anlehnung an den letzten Song des Albums 365). Sowohl die Farbe der Kampagne, wie auch deren Typographie – ein leicht verpixeltes Arial Narrow – werden in unterschiedlichen Reels und Memes aufgegriffen. Der brat summer wird mit den sogenannten Baby-Tees sogar modisch zelebriert. Dabei handelt es sich um knappe, bauchfreie und hautenge T-Shirts, die wahlweise mit einem ironischen Statement-Aufdruck, aber auf jeden Fall ohne BH getragen werden. Das Album brat soll demnach nicht nur einen bestimmten Musikstil, sondern ein ganzes Lebensgefühl verkörpern. Die Botschaft lautet: Die Tür zum Club ist auf – komm rein, sei du selbst, sei ein bisschen trashy, sein ein bisschen awkward, wir machen zusammen Party, haben Spaß und du bist herzlich eingeladen.
Was bereits als kollektivierender Popmoment online existierte, fand einen weiteren Höhepunkt, als Kamala Harris nach dem Kampagnen-Rücktritt Joe Bidens Ende Juli ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2024 ankündigte. In einem Tweet auf X schrieb Charli xcx am 22. Juli 2024 „kamala IS brat“, was eine Kaskade von Harris-Beiträgen in den sozialen Netzwerken lostrat. Harris wurde in grün gefärbten Video-Ausschnitten zur Musik des Albums gezeigt, wie sie lachend oder tanzend bei verschiedenen öffentlichen Auftritten zu sehen ist. Zusammen mit einem Ausschnitt aus einer früheren Rede, in der Harris mit einem etwas steifen Lachen ihre Mutter mit den Worten zitiert: „You think you just fell out of a coconut tree?“ wurden Remixes von verschiedenen Songs erstellt, darunter welche von Britney Spears, Kesha oder Beyoncé. Wer sich online positiv zu Harris äußerte, fügte dem Statement ein Kokosnuss- oder Palmen-Emoji hinzu. Der Late Night Show-Host Stephen Colbert berichtete über das Internetphänomen mit einem einstudierten TikTok-Tanz zum Charli xcx-Song Apple, und CNN-Moderator Jake Tapper versuchte zusammen mit anderen Reporter:innen, die tiefere Bedeutung des Hypes zu ergründen, nachdem die Harris-Kampagne das Banner ihres X-Accounts in die Farben und den Schriftzug von brat getaucht hatte.2 In diesem Moment verband sich die politische Sphäre mit einem durch zahlreiche Assemblagen und Zitate entstanden Online-Soziotop, deren Akteur:innen äußerst gewillt waren, Kamala Harris anstehende Kandidatur in den Referenzrahmen des brat summers aufzunehmen und dem organisch gewachsenen brat-Hype einzuverleiben.



Im Vergleich zum US-Wahlkampf 2016 findet mit dieser Art der Memefizierung von Kamala Harris eine kulturelle Verschiebung statt. Während Trump in seiner ersten Amtszeit noch als Meme-Präsident gefeiert wurde, scheinen die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Meme-Strategie derzeit eher bei Harris gegeben zu sein. Was Marc Tuters als deep vernacular web bezeichnet, scheint Trump als kulturelles Kapital nicht mehr im gleichen Ausmaß wie 2015 und 2016 zur Verfügung zu stehen. Der Ausdruck deep vernacular web beschreibt eine Internet-Gegenkultur, die sich Mitte der 2010er Jahre durch Plattformen wie 4chan in Opposition zu großen Konzernen wie Google und Meta formiert hatte. Im Gegensatz zur hochindividualisierten Selfie-Kultur kommerzialisierter Plattformen wie Instagram und Facebook zeichneten sich die Bilder- und Textwelten des deep vernacular web durch Anonymität, Ironie und eine starke Fokussierung auf Insider-Wissen aus. Ein kultureller Nährboden, welcher von der Neuen Rechten erfolgreich gekapert wurde, um durch eigene Meme-Strategien politische Linien in der analogen Welt zu verschieben.3
Lange Zeit hörte man von Trump-Anhänger:innen den hämischen Einwurf: „The left can‘t meme“. Dies bezog sich vor allem auf die unbeholfenen Versuche demokratischer Politiker:innen, sich popkulturelle Trends anzueignen und damit gezielt jüngere Wähler:innen zu erreichen.4 Beispiele dafür sind Hillary Clintons berühmt-berüchtigter Ausruf „Pokémon-Go to the polls!“ und Joe Bidens mittel-erfolgreiche Aneignung des Dark Brandon-Memes. Was hat sich also in Bezug auf Harris‘ Kampagne und ihren Meme-Erfolg geändert?
Entscheidend scheint auch bei Harris der bereits organisch entstandene kulturelle Nährboden zu sein. Charli xcx’s Kampagne, welche bewusst als neuer Internet-Trend initiiert wurde, hatte bereits für ein produktives Meme-Klima in den sozialen Medien gesorgt. Als die Künstlerin dann selbst twitterte, Kamala sei brat, stellte sie sich explizit hinter die Politikerin und markierte sie somit als gleichgesinnt und anschlussfähig. Und mehr noch, sie stellte Harris in den Kontext eines Narrativs, welches sich auch in den Referenzen zu Personen wie Julia Fox auf dem brat-Albumfindet. Eine beliebte Caption der entsprechenden Kamala–brat-Memes ließ verlauten: “I’m everywhere, I’m so Kamala”. Harris und Fox, so unterschiedlich ihre öffentlichen Persönlichkeiten auch sein mögen, teilen sich unter dem Schirm des brat summer das Image einer neuen Weiblichkeit, bei der selbstbewusste Seltsamkeit ein Vorzug und kein Nachteil ist und sich Ironie nicht gegen andere, sondern auf sympathische Weise auf sich selbst richtet.


Neben dem bereits angesprochenen Nährboden gibt es noch einen zweiten wichtigen Faktor, der über den Meme-Erfolg von Politiker:innen entscheidet, und das ist ihr glaubwürdiges Image in Bezug auf Memes. In einem Atlantic-Artikel zu Harris’ Meme-Erfolg schreibt Charlie Warzel: „The Harris Theory of Attention is much different from her former running mate‘s in that she seems eminently meme-able, not only because of her formidable public-speaking skills but also because her public performances can occasionally veer into awkwardness. […] Harris’s quirks are well matched for an online discourse that revels in weirdness and chaos. A little bit of strangeness – especially if it seems harmless – is an excellent way for a candidate to attract attention online.“5
Wirkt bei Clinton oder Biden die Aneignung von Online-Trends erzwungen und konstruiert, scheint es bei Kamala Harris und ihren quirks auf ironische Weise passend, sie mit der artifiziellen missiness des brat summers zusammenzubringen. Wie konnte es dazu kommen, dass eine zäh wirkende Rechtsanwältin aus Kalifornien plötzlich in eine Kulisse zu passen scheint, in der die Bässe die Wände im Club zum Wackeln bringen und die Gäste auf den Toiletten verschiedene Drogen konsumieren, wie es Charli xcx im Song 365 beschreibt, der unter den meisten der Kamala-brat-Memes liegt?
Eine Antwort darauf ist, dass es um Momentum, oder auch Meme-Mentum zu erlangen, nicht ausreicht, eine memefizierbare Persönlichkeit im öffentlichen Raum zu verkörpern. Entscheidend ist auch der Zeitpunkt. In einer Podcast–Ausgabe zum Thema brat Summer und die Rückkehr von White Girl Pop stellt die Autorin Alice Hasters die These auf, dass der Pop weißer Künstler:innen in diesem Sommer eine besonders günstige Atmosphäre für die Harris-Kampagne geschaffen habe. Hasters erklärt im Rückblick, wie Harris an der Präsidentschaftskandidatur 2020 scheiterte und führt dies auf deren eher moderate bis konservative Position zurück. Im Klima der Black Lives Matter-Proteste 2020, so Hasters, hätte Harris ihre politische Haltung im Weg gestanden.6 In dem eher unpolitischen Pop-Klima des auf Hedonismus ausgelegten brat summers hingegen profitiert Harris vor allem davon, nach der erdrückenden Angst vor einer Niederlage von Joe Biden einen frischen Wind in den Wahlkampf zu bringen.
Das erklärt auch die plötzlich euphorische Umarmung des Coconut-Tree-Memes. Es ist nicht unbedingt Kamala Harris‘ Politik, die sie für die Linke als Kandidatin attraktiv erscheinen lässt. Vielmehr ist die Umdeutung ihrer politischen Person als etwas schrullige, lustige Tante der Versuch, sie als Kandidatin gegen Trump zu stärken. Dessen Anhänger:innen hatten die Coconut-Rede nämlich zuvor in abwertenden Memes verbreitet und über einen angeblichen Substanzmissbrauch Harris‘ gemutmaßt.7
Das zeigt, dass der popkulturelle und politische Zeitgeist einen großen Einfluss auf den Meme-Erfolg einer Kampagne oder eines bestimmten Narrativs hat. Es reicht nicht, dass Politiker:innen ein gewisses Meme-Potential mitbringen – auch das gesellschaftliche Klima und der Kontext entscheiden über ein Meme-mentum.
- Caren Miesenberger, Charli XCX: “Brat“ – Umarm die Rotzgöre in dir!, Kompressor Podcast 08.07.2024
https://www.ardaudiothek.de/episode/kompressor-deutschlandfunk-kultur/charli-xcx-brat-umarm-die-rotzgoere-in-dir/deutschlandfunk-kultur/13539567/ ↩︎ - Jake Tapper, Jamie Gangel, David Chalian, Kaitlan Collins, CNN Panel learns about ‚brat‘
https://edition.cnn.com/2024/07/22/politics/video/brat-kamala-harris-charli-xcx-memes-sot-digvid ↩︎ - Marc Tuters, LARPing & Liberal Tears. Irony, Belief and Idiocy in the Deep Vernacular Web, In: Maik Fielitz/Nick Thurston/, Post-Digital Cultures of the Far Right (37-48). Bielefeld 2018, transcript Verlag. ↩︎
- Ryan Coogan, Trump fans say ‚the left can´t meme‘ – but do they really need to?, Independent, 28.08.2024
https://www.independent.co.uk/voices/memes-kamala-harris-donald-trump-online-b2601956.html ↩︎ - Charlie Warzel, Trump Versus the Coconut-Pilled, The Atlantic, 21.07.2024
https://www.theatlantic.com/technology/archive/2024/07/kamala-harris-memes/679180/ ↩︎ - Alice Hasters, Brat Summer und die Rückkehr von White Girl Pop, Feuer & Brot Podcast, 15.09.2024
https://feuerundbrot.de/folgen/99-brat-summer ↩︎ - Max Read, Is the coconut tree the most consequential dumb joke of the year?, Max Read Newsletter, 05.07.2024
https://maxread.substack.com/p/is-the-coconut-tree-the-most-consequential ↩︎