KAFKA UND TIKTOK: LOVE AT FIRST CRY

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.1

von José Amaro Santos Alves

A/N: 2024 markiert das hundertste Todesjahr Franz Kafkas. Und doch lebt der Autor im digitalen Raum weiter. Wie Amanda Hess in der New York Times anmerkt: «Telling the internet that Harry Styles is your boyfriend is a fantasy. Telling the internet that Franz Kafka is your boyfriend – that is a thesis statement».2 In diesem Sinn dient diesem Beitrag die ‹internet frenzy› um die MetGala 2023 – spezifischer um den unverhofften Auftritt einer Kakerlake auf dem roten Teppich – als Ausgangspunkt für einen Kommentar zu Kafkas Online-Präsenz, die überdies bis heute anhält. So heißt es in einem Meme vom 25. September 2024: «enough brat summer, it’s time for Kafka autism».

[öffne TikTok]

Met Gala 2023: Zwischen posierender Prominenz und maßgeschneiderten Stoffen krabbelt unbekümmert eine Küchenschabe – eine Delikatesse für den ironischen Gaumen eines jeden Internet-Connaisseurs. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das gefundene Fressen zu mundgerechten Memes verarbeitet und dem hungrigen Schlund der sozialen Plattformen (vorzugsweise kalt) serviert wird. Und tatsächlich: Während einige auf TikTok den Auftritt des Insekts nachspielen oder seinen Tod beklagen und andere Fan-Edits erstellen, scheint eine User-Sparte unter dem Louis-Vuitton-braunen Panzer einen ganz besonderen Gast erkannt zu haben. 

[swipe] «2023 MET GALA JUST GOT KAFKA TO SHOW UP?!?»II [swipe] Suki Waterhouse postet, Kafkas Outfit hätte nicht genug Beachtung gefunden.III [swipe] Ein Fotokarussell der Gala-Kakerlake, untermalt mit Musik von Lana Del Rey, endet auf einem Foto des jungen Schriftstellers: «Will you still love me when I am no longer young and beautiful?»IV [swipe]

TikTok zumindest ist Kafka regelrecht verfallen. Deshalb fordert Alexander Larman im Spectator: «Stop turning dead authors into sex symbols».3

t00pretty4me auf TikTok

Er steht dem Wildwuchs an Videos, FancamsV und FotoreihenVI, die unter #kafka auf TikTok wuchern und von einem mehrheitlich weiblichen Gen-Z-Publikum ausgesät werden, kritisch gegenüber. Kafka werde objektifiziert, reduziert auf ein «Lustobjekt mit IQ [e.Ü.]»4. «There are TikToks of girls mooing over the dead Czech»5: Ja, der gute Kafka wusste, wie man allein durch die Kraft der Wörter Frauenherzen höher schlagen lässt… Außerdem bleibt Kafka gute Lektüre in Krisenzeiten, Identifikationspotenzial inklusive. Im Interview mit Dazed kommt der Literaturwissenschaftler Dan Hill zu dem Schluss: Kafka «brings out an odd sense of something like fellow-feeling».6 Kafka-Memes verbinden, schaffen Solidarität, mit ihnen wird ein Gefühl der ‹connectedness› erzeugt. Diesem Gefühl ist dieser Beitrag auf der Spur. Die ‹Kafkamania› von Internet-User:innen als bloße Schwärmerei zu betiteln, greift zu kurz. Vielmehr sollen die Memes und ihre Schöpfer:innen hier ‹ernst› genommen und eine andere Lesart vorgeschlagen werden.

[swipe] In einem ‹October Moodboard› vereint eine Userin zu Saint-Saëns‘ Totentanz eine Spotify-Playlist namens seasonal depression chic, ein Foto mit den Sänger:innen Lana del Rey, Taylor Swift, Fiona Apple sowie Mitski und Dostojewski mit dem armen Gregor Samsa, der, als Ungeziefer aufgewacht, nur ein «girl, not this» seufzen kann.VII [swipe] Eine verschneite Szene aus Bladerunner 2049, zu hören ist der Song Cry der Band Cigarettes After Sex, darauf ein Kafka-Zitat: «When Kafka said ‹I am well; I could have built the Pyramids with the effort it takes me to cling on to life and reason›».VIII [swipe]

imberquartz auf TikTok

Diese Verschachtelungen und Verschränkungen popkulturellen Wissens erzeugen eine Eigenkomplexität, die sich bewusst an Mit-Wissende richtet. Als geteilte Referenzen machen sie Kafka-Memes relatable: User:innen versuchen, durch und mit Kafka nicht nur ihre Schicksale miteinander zu teilen (im doppelten Sinne), sondern auch emotionale und affektive Zustände.7 Dabei hoffen sie, dass sich auch andere in ihren Meme-Schöpfungen wiederfinden. «Relatability […] marks a mutual process of showing and

witnessing everyday experiences and sensitivities».8 Unter dem Tropus ‹when Kafka said›, einem entfernten Verwandten von ‹me when› und ‹TFW› (that feeling when), ziehen User:innen ein Band der Gemeinsamkeit um sich, das sich auf (mindestens) zwei verschiedene Weisen zeigt: 

(1) Mit ‹when kafka said› werden Erfahrungen existentieller Angst gesammelt, die «at the edges of the social fields of the sayable and visible»9 liegen und in Kafka-Zitaten ihren geeigneten Ausdruck finden. Kafka fungiert als Vehikel für den eigenen Gemütszustand; ‹When Kafka said› als Surrogat für ‹the feeling when›. Derweil wird das attributions-, herkunfts- und kontextlose Zitat durch seine Isolierbarkeit zum Aphorismus.  «When Franz Kafka said‚ I write differently from what I speak, I speak differently from what I think, I think differently from the way I ought to think, and so it all proceeds into deepest darkness» – Manchmal, so der Begleittext dieses TikToks, sei die Person, zu der man am meisten ‹relatet› ein Mann, der beschrieben hat, wie man zum Ungeziefer wird.IX Die Userin identifiziert sich mit, setzt sich in Beziehung zu Kafka und hofft gleichzeitig, andere würden es ihr gleichtun. Somit wird die Kafka-Rezeption selbst zu einer Netzwerksache, die außerhalb des Klassenraums nicht mehr durch Lehrende initiiert und geleitet wird, sondern sich in «a multimodal assemblage of video, audio, text, and performances»10 selbst organisiert. Indem User:innen intime Affektlagen teilen, Kafka zu ihrem Sprechrohr machen, folgt die Auseinandersetzung mit dem Autor und seinen Werken dem Modus der Relatability: «he is so me and I am so him», «he is just like me fr»X.  

(2) Weibliche Userinnen reflektieren unter ‹when kafka said› die Liebeskommunikation ihrer Generation. Fast dialektisch stellen sie den in verkürzter Jugendsprache verfassten ‹Liebesnachrichten› ihrer männlichen Verehrer die poetischen Botschaften Kafkas entgegen. Dem ‹when kafka said› geht ein «when he says» voraus: «when he says ‚ily‘ but kafka said ‹you are the knife I turn inside myself›».XI

_.daily.vibez._•⩊• auf TikTok

In einer Generation, deren präferiertes Medium für Liebesangelegenheiten Snapchat ist,XII werden Kafkas Bekenntnisse zum neuen Maßstab. Im Ton der Selbstermächtigung entsteht eine Gemeinschaft, die sich bei der Partnerwahl nicht ‹unterkriegen› lässt und ihre Standards neu definiert. Was als Schwärmerei für den toten tschechischen Autor abgetan wird, gestaltet sich als Vergemeinschaftungsprozess, bei dem in halböffentlichen Räumen, im ‹safe space› von KafkaTok, für und von bestimmten Userinnen neu definiert wird, was Liebe ist und wie sie auszusehen hat – sicherlich durch die unsichtbare Hand des Algorithmus vorstrukturiert, trotzdem mit dem Anschein einer «algorithmic closeness».11 Äußern User:innen (mit Kafka) ihre Gedanken im Hinblick auf Liebe, können andere durch die algorithmische Kuratierung wiederum auf Videos gleicher Art stoßen. Sie kommen einander näher, ‹connecten› sich. «I want boys to be like Kafka but instead they’re Gregor Samsa»XIII: User:innen gehen auf die Suche nach einer verloren geglaubten Art zu lieben. Dass ausgerechnet Kafka zum ‹role model› wird, bleibt ein Kuriosum, hatte der Schriftsteller in seinem Privatleben doch eher konflikthafte Beziehungen zu Frauen und entwarf solche auch in seinen Arbeiten. Bezeichnend: Die meisten Zitate stammen aus Kafkas Briefe[n] an Milena, also seinen Schickungen an jene Verlobte, die er nach langem Hin und Her dann doch nicht heiratete.12 

[swipe] «When he says ‹ur hot› but kafka wrote to milena ‹I want in fact more of you. In my mind I am dressing you with light; I am wrapping you up in blankets of complete acceptance and then I give myself to you. I long for you; I who usually long without longing, as though I am unconscious and absorbed in neutrality, and apathy, really, utterly long for every bit of you›».XIV [swipe] «Rip kafka you would have loved your unintentional legacy being an internet trend of people asking their partners if they would still love them if they were worms».XV [swipe]

Die Ersteller:innen von Zitat-TikToks eignen sich die Worte Kafkas an. Diese scheinen schon fast dazu prädestiniert, wohnt ihnen eine gewisse ‹Internet-Aura› inne. Mit dem Absurden in Kafkas Arbeiten schwingt eine eigentümliche Ironie mit. Der Autor sei zwar kein «Humorist», so Walter Benjamin13, dennoch entsteht das «Komische» bei Kafka aus dem Paradoxon der gleichzeitig heiteren und düsteren Sprache.14 Seine Texte finden Anklang bei einer Generation, die ein Rädchen im spätkapitalistischen Getriebe ist und den Witz in dessen alltäglichen Umdrehungen sucht. KafkaTok funktioniert nicht (nur), weil sich User:innen mit Kafka identifizieren, sondern weil sie glauben, sie sprächen die gleiche Sprache. So wird Kafka auf eine dritte Art relatable; (3) er wird in Beziehung gesetzt: mit Lana Del Rey, mit Raskolnikov (Dostoyevski), mit CamusXVI und mit CronenbergXVII. Der Begriff ‹kafkaesk› fasst für diese User:innen also «Leitvorstellungen des Existentialismus (Angst, Ekel, das Nichts, der Tod Gottes, die Absurdität der Welt)»15 zusammen. 

Eins haben KafkaTok und Kafkas Werk jedoch gemeinsam: Sie sind «ein Rhizom, ein Bau». KafkaTok hat «zahllose Pforten, Haupt- und Nebentüren, bewacht von ebenso vielen Pförtnern».16 Kafkas Schriften dienen als Wand, auf die in den unterschiedlichsten Farben der Relatability düstere Stimmungen geteilt, erwünschte Liebesdynamiken plakatiert und Querverbindungen zu anderen Denktraditionen gezeichnet werden. Und irgendwie sind sich die User:innen sicher, dass Kafka auf ihrer Seite steht: rip, he would‘ve loved this

[drücke Sperrknopf]

  1. Franz Kafka, Die Verwandlung, in Klaus Hermsdorf (Hg.): Das Erzählerische Werk, Berlin, 1988, 112. NB: Das ist das einzige Kafka-Zitat, das auf seine Richtigkeit geprüft wurde. Die Kafka-Zitate aus den TikToks wurden nicht verifiziert: Die Lesenden sollen daran glauben, wie die User selbst. ↩︎
  2. Amanda Hess, The Very Online Afterlife of Franz Kafka, New York Times, 01.06.24, https://www.nytimes.com/2024/06/01/arts/franz-kafka-tiktok-centennial.html (24.11.24) ↩︎
  3. Alexander Larman, Stop turning dead authors into sex symbols, The Spectator, 27.02.23, https://www.spectator.co.uk/article/stop-turning-dead-authors-into-sex-symbols/ (24.11.24).  ↩︎
  4. Ebd. ↩︎
  5. Janet Manley, TikTok has awoken and found itself with a mad crush on Kafka, The Literary Hub, 28.02.2023, https://lithub.com/tiktok-has-awoken-and-found-itself-with-a-mad-crush-on-kafka/ (24.11.24). ↩︎
  6. Serena Smith, Why is everyone so obsessed with Franz Kafka?, Dazed, 03.02.2023, https://www.dazeddigital.com/life-culture/article/58053/1/why-is-everyone-so-obsessed-with-franz-kafka-metamorphosis-beetle (24.11.24). ↩︎
  7. Florian Schlittgen, You’ll Never Feel Alone – Thoughts on Relatability, in: Chloë Arkenbout und Laurence Scherz (Hg.): Critical meme reader: Memetic tacticality, Amsterdam 2022, 282-298. ↩︎
  8. Ebd., 285. ↩︎
  9. Ebd., 287. ↩︎
  10. Sarah Jerasa und Trevor Boffone, BookTok 101: TikTok, Digital Literacies, and Out‐of‐School Reading Practices, in: Journal of Adolescent & Adult Literacy, Bd. 65, Nr. 3, 2021: 222. ↩︎
  11. Moa Eriksson Krutrök, Algorithmic Closeness in Mourning: Vernaculars of the Hashtag #grief on TikTok, in: Social Media + Society, Bd. 7, Nr. 3, 2021. ↩︎
  12. Marthe Robert: Einsam wie Franz Kafka, Frankfurt am Main 1985. ↩︎
  13. Walter Benjamin, Franz Kafka: Zur zehnten Wiederkehr seines Todestags, in: Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser und Walter Benjamin (Hg.): Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1977. ↩︎
  14. Peter Rehberg, Lachen lesen: Zur Komik der Moderne bei Kafka, Bielefeld 2007. ↩︎
  15. Beicken in Rehberg, Lachen lesen, 56. ↩︎
  16. Gilles Deleuze und Félix Guattari: Kafka: Für eine kleine Literatur, Frankfurt am Main 2014, 7. ↩︎