Kendrick Lamar vs. Drake – was der Rap-Beef über kulturelle Aneignung und Blackness aussagt

von Lisa Tracy Michalik

Der verbale Schlagabtausch zwischen den Rappern Kendrick Lamar und Drake läuft schon seit ca. zehn Jahren. Zu Beginn ihrer jeweiligen Karrieren kollaborierten die beiden noch, doch mit der Zeit begannen sie, verbal gegeneinander auszuteilen, was im Rap nicht unüblich ist. Die beiden gelten als die wichtigsten Hip-Hop-Künstler ihrer Zeit, womit sich das stetige Gegeneinander-Wettern erklären lässt. Drake entwickelte sich immer weiter in die Richtung des kommerziellen Mainstream-Erfolgs, was sich auch in seiner relativ bunt gemischten Diskografie und der hohen Dichte an Veröffentlichungen zeigt. Lamar ist definitiv auch auf einem Mainstream-Level erfolgreich, doch ebenso dafür bekannt, lyrische sowie oftmals gesellschaftskritische Texte zu schreiben, für welche er auch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Diesen Frühling und Sommer kam die Fehde durch eine Reihe von insgesamt acht Diss-Tracks, also Songs, die explizit dazu dienen, eine:n andere:n Künstler:in verbal zu attackieren, zu einem Höhepunkt und nahm damit eine auch im Rap-Kontext neue Dimension an. Es ging um Authentizität – oder ihr vermeintliches Fehlen –, um Star Power, Rap-Künste und viele andere Themen. Vor allem aber waren es die langjährig existierenden Vorwürfe gegen Drake, er betreibe kulturelle Aneignung und sei ein unauthentischer Repräsentant der Schwarzen amerikanischen Rap-Kultur, die Lamars Diss-Tracks motivierten. Diese Argumente scheinen von einem Großteil verschiedener Online-Communities als schwerwiegender gewertet zu werden, wenn man die unzähligen Memes betrachtet, die diese Fehde begleiten. Doch in Rap-Beefs geht es nicht nur um den Inhalt der Anschuldigung, sondern insbesondere auch darum, wie er verpackt ist. Es geht um die sprachlichen Fähigkeiten eine:r Rapper:in; es gehtdarum, wie Übertreibungen, Ironie und Anspielungen eingesetzt werden, um den:die Gegner:in bestmöglich zu beleidigen. In Beefs wird die soziale Relevanz von oft belächelten Kommunikationsformen wie Klatsch und Gerüchten anerkannt.1 Lamar versteht sich als wahren und authentischen Vertreter der Kultur, welche er in Gefahr sieht. Drake scheint für Lamar eine Person zu sein, die aktiv daran beteiligt ist, die Hip Hop Kultur zu zerstören. 

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Haus of Decline auf Twitter,
via Thunder Dungeon

Der Diskurs rund um kulturelle Aneignung ist nicht unkompliziert, und er verkompliziert sich weiter, wenn er innerhalb Schwarzer Kulturen geführt wird: Können Schwarze Menschen Schwarze Kultur überhaupt appropriieren? Die eine Schwarze Kultur existiert nicht. Seit dem Beginn von Drakes Karriere in den USA wurde anhand seiner Persona über Blackness und Maskulinitität diskutiert. Online existieren unzählige Memes, die sich über ihn in Bezug auf sein Schwarzsein, seine Männlichkeit und Fähigkeiten als Rapper lustig machen. 

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Ein Meme zeigt einen jungen Drake lesend auf der Couch, der vorwurfsvoll von seinem Sailor-Moon-Manga aufschaut und fragt, ob jemand gerade ernsthaft während der stillen Lesezeit gesprochen habe. Ein anderes ist eine Fotomontage des Album-Covers von Take Care mit Drake, der einen Diss-Track an Kendrick Lamar schreibt. Dabei liegt er auf dem Bauch im Kinderspielzimmer, die Füße stecken in Kinderballerinas und sind in die Luft gereckt und er schreibt «Dear Kendrick» – keine gute Ausgangsposition, um einen wirksamen Diss-Track zu schreiben. Drake ist sich seiner memeability, also der Eigenschaft, eine gute Vorlage für Memes zu sein, sehr bewusst, und scheint bei öffentlichen Auftritten und durch seine stetige Online-Präsenz kalkuliert Meme-Vorlagen zu streuen – büßt dadurch aber auch einiges an street credibility, also einer besonderen Form von Authentizität im Hip Hop, ein. Identität im Rap ist stark mit Authentizität verknüpft, mit der Verbindung, die ein:e Künstler:in zur eigenen Autobiografischie herstellt. Im Fall von Drake, dem in Kanada geborenen, aus bürgerlichen kanadischen Verhältnissen stammenden ehemaligen Jugendschauspieler, der ständig zum Meme gemacht wird/sich zum Meme macht und darüber hinaus seine Texte nicht immer selbst schreibt, wird diese Authentizität deshalb stetig hinterfragt. 

djomegared, Threads
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Um seine Persona authentischer wirken zu lassen, begann Drake, auch außerhalb der Bühne im African-American Vernacular English zu sprechen und änderte sein Äußeres, welches als racially ambiguous gelesen werden kann, durch entsprechende Frisuren. Darüber hinaus sang und rappte er mit westafrikanischem ‚Akzent‘ für von Afrobeats inspirierte Tracks wie One Dance oder mit jamaikanischem in Love Yuh bad. So brachte er es, was Verkaufszahlen angeht, zum erfolgreichen Star, der verschiedene Musik-Märkte erschließen kann. Diese Experimente in verschiedensten Schwarzen Musiktraditionen und die Tatsache, dass Drake damit sehr viel Geld verdient, führen jedoch zum vermehrten Vorwurf der kulturellen Aneignung – durch andere Schwarze Menschen und Künstler*innen wie Lamar. 

Shumay auf Twitter, via bossip

Lamar spricht Drake u.a. auf Not Like Us die Blackness ab und beschreibt seine Performance von Blackness als erbärmliche Nachahmung. Außerdem wirft er ihm Aneignung zum persönlichen Profit vor. So rappt er: «You not a colleague, you a fucking colonizer» und fordert Drake an mehreren Stellen dazu auf, das N-Wort nicht weiter zu nutzen. 

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Im Song Euphoria fragt Lamar, «how many Black features will it take for you to feel Black enough». Und in  Meet the Grahams: «The skin that you livin’  in is compromised in personas». In Beefs geht es neben dem Ausstellen von sprachlichen Fähigkeiten insbesondere auch darum, durch Sprache Identität zu performen.2 Lamar attestiert Drake nicht nur eine tiefsitzende Identitätskrise, sondern wirft ihm darüber hinaus vor, daraus Profit zu schlagen.

Was macht eine Person Schwarz? Wer gilt als Schwarz? Was ist Blackness überhaupt oder was kann sie sein? Insbesondere im US-amerikanischen Kontext von Sklaverei, One-Drop-Rule und Segregation ist es wichtig, nicht in Essentialismen abzurutschen – weshalb es hier nicht darum gehen kann, zu beurteilen, ob Drake ‹Schwarz (genug) ist›. Folgt man der afroamerikanischen Kuratorin und Autorin Legacy Russell, zirkuliert Blackness als, das memetischen Aneignungen ausgesetzt ist. Sie argumentiert, dass es digitale Kultur ohne die Beiträge Schwarzer Menschen in ihrer heutigen Form nicht geben würde. Russell nutzt den Begriff des «Black Meme», um zu beschreiben, wie Blackness durch Vermittlung und Kopie zu einem viralen Agenten werde – beflügelt durch Medien.3 Vielfältiges Bildmaterial Schwarzer Menschen, welches aus dem Kontext herausgelöst wurde, zirkuliere stetig, um kulturelle Arbeit zu verrichten. So werden Russell zufolge Schwarze Körper dehumanisiert und in Symbole oder Tokens verwandelt, die unendlich gegen Kapital eingetauscht werden können. 

Dieser Logik folgen auch die unzähligen Memes über Drake, die online kursieren. Doch im Unterschied zu Menschen, die unfreiwillig zu Memes wurden und stetig über Jahrzehnte hinweg ohne finanzielle Kompensation durchs Internet geistern, befeuert Drake diese Prozess entweder durch eigene Meme-Vorlagen oder kann von der erhöhten Aufmerksamkeit durch von anderen erstellte Memes direkt profitieren. Wenn etwas in der Popkultur als cool und profitabel gilt, dann ist es Blackness. «The black, the meme, the poor image is a subject or object whose definition exceeds her body, whose instantiation is contingent on her history, and on the ‹shared history› of all other subjects/objects like her, even when in the hands of others»,4 heißt es in dem für die Situierung von Meme Cultures im Kontext afrodiasporischer Medienpraktiken grundlegenden Essay Poor Meme, Black Meme von Aria Dean. Auch Drakes Definition geht, wie beschrieben, über ihn hinaus, wenn andere darüber urteilen, ob oder wie Schwarz er ist und ihm der Zugriff auf eine vermeintlich geteilte Schwarze Geschichte von Lamar und anderen abgesprochen wird. Dean schreibt mit Bezug auf Hito Steyerls «In Defense of the Poor Image» weiter: «We have long been digital, compressed, reproduced, ripped, remixed‘ across time and space. For blackness, the meme could be a way of further figuring an existence that spills over the bounds of the body, a homecoming into our homelessness».5 So kann die Strategie, auf der Drakes Star-Persona beruht, als eine Form von Self-Tokenization und ‹Selbst-Memefizierung› beschrieben werden. Er macht sich im Sinne Russells zum Symbol, zum Token und im Sinne Deans selbst zum Meme, um aus der «homelessness», die ihm zugeschrieben wird und den Begrenzungen seines Körpers, oder eher, wie dieser gelesen wird als kanadischer biracial Rapper, auszubrechen und Authentizität aufzubauen. Dies ist jedoch nicht als emanzipatorische Strategie zu lesen. Drake bzw. das Team, das an der Etablierung des globalen transkulturellen Pop-Phänomens ‹Drake› beteiligt ist, scheinen das Geschäft der Aneignung zu verstehen. Die häufigen Wechsel durch verschiedene Genres und Akzente, sowie die Hinwendung zu Frisuren, die als deutlich zu Schwarzen Kulturen zugehörig gelten, versteht Lamar als Symptome einer Identitätskrise und wenig überzeugendem Versuch, diese zu Überwinden und einen Ankerpunkt in der afroamerikanischen Hip Hop Kultur zu finden, in welcher verschiedene Formen von Authentizität maßgeblich sind. Es bleibt die Tatsache, dass Drake und sein Team mit dieser Strategie sehr viel Geld verdienen und und es letztendlich auch um ökonomische Aspekte und nicht unbedingt einen fruchtbaren kulturellen Austausch geht. Lamars Bezeichnung von Drake als «Colonizer» kann in diesem Kontext als vehemente Kritik an einer Reduktion von Blackness auf eine austauschbare, virale Einheit verstanden werden, die sich beliebig angeeignet werden kann. Der Konflikt zwischen Lamar und Drake ist nicht nur ein unterhaltsamer Rap-Beef, sondern auch ein Spiegel zeitgenössischer Debatten im digitalen Zeitalter und Aufmerksamkeitökonomien um Identität, Zugehörigkeit, Authentizität und den stetigen Herausforderungen, vor welchen vormals wiederständige Kulturen wie der Hip Hop stehen, wenn sie stetig kapitalisiert werden. Durch die Vielschichtigkeit der Gemengelage wird jedoch auch deutlich, dass die Frage danach, ob Drake kulturelle Aneignung betreibt oder nicht eine komplexe ist, die kaum mit einem klarem Ja oder Nein beantwortet werden kann. 

  1. Vgl. Henry Louis Gates Jr.: The Signifying Monkey: A Theory of African-American Literary Criticism, Harvard 1998. ↩︎
  2. Vgl. ebd. ↩︎
  3. Legacy Russell: Black Meme: A History of the Images that make Us, London 2024. ↩︎
  4. Vgl. Aria Dean: Poor Meme. Rich Meme, Real Life Mag, 25.07.16, https://reallifemag.com/poor-meme-rich-meme/ ↩︎
  5. Vgl. ebd. ↩︎